Hans Christian Ziebertz > teilweise Villa / Gemeinschaftliches Wohnen in Storkow (Mark)

Teilweise Villa. Der Titel ist mehrdeutig. Zum einen verweist er auf die Typengeschichte von der Villa bis zum Einfamilienhaus, also der Progression / Regression des privaten Wohnhauses im Grünen zu seiner heutigen Form, die teilweise Villa ist und teilweise nicht. Das ist der Verweis auf den ideologischen Kontext des Projektes. Zum anderen verweist der Titel auf den Vorschlag des Projektes, den Wunsch nach einer Villa gemeinsam anzugehen. Teilweise ist hier also im Sinne von „geteilt“ gemeint.

Die Villa wird in ihrer ursprünglichen Funktion als Satellit urbaner Kultur in einer peripheren ländlichen Gegend gelesen. Das Projekt ist für eine Gruppe von Berlinerinnen und Berlinern gedacht, die ein Interesse an gemeinschaftlichem Wohnen haben und eine entsprechende Baugruppe bilden würden.

Die Villa / das Einfamilienhaus ist ideengeschichtlich Ausdruck und Austragungsort bürgerlicher / kleinbürgerlicher Lebenskonzepte. Im urbanen Satelliten auf dem Land wird der produzierte Mehrwert zum privaten Genuss investiert. Das Haus versucht - gewissermaßen egozentrisch - von sich aus die Umgebung, respektive die Welt, zu sortieren. In einem Wechselspiel von Verbergen und Zeigen muss der Reichtum der Villa durch hohe Mauern, Gräben und Zäune geschützt und zur selben Zeit durch öffentliche Inszenierungen mitgeteilt werden. Inszeniert werden Formen des „familiären Privatlebens“, die als Idealbilder eines erfüllten Lebens bis heute wirkmächtig sind und insbesondere die Form des Einfamilienhauses bestimmen.

Durch die Positionierung im Kontext (vs. Weltsortierung und Abschottung) und durch den Grundsatz des geteilten Privathauses mit verschiedenen Formen von Privatheit (vs. die eine Form des familiären Privatlebens) soll eine Alternative zu der skizzierten, vorherrschenden Performanz des Privathauses angeboten werden. Das Haus bietet zehn unterschiedlich große individuelle Einheiten an, von denen vier barrierefrei genutzt werden können. Es lässt sich so als Mehrgenerationenhaus mit unterschiedlichen Lebensstilen denken, unter denen die Kleinfamilie nur ein Konzept unter vielen darstellt. So bietet das Haus ein realistisches Wohnangebot an eine Gesellschaft, in der nur noch eine Minderheit in der „klassischen“ Konstellation der Kleinfamilie lebt.

Da es ohnehin ein altes öffentliches Wegerecht über das ehemals landwirtschaftlich genutzte Grundstück gibt, wird die Trennung des Öffentlichen und Privaten nicht über die Setzung eines Zaunes geregelt, sondern durch Abstandsflächen und Transgressionszonen. An die Stelle der scharfen Kante tritt die Idee der Übergänge in verschiedene Zonen des Privaten: In Richtung der Stadt gibt es einen Raum, der als ruraler Co-Working-Space genutzt werden kann und auch Tagesgäste anzieht. Daneben gibt es zur Hausgemeinschaft gehörige Zonen des Arbeitens mit gemeinschaftlichen Waschküchen, einer Werkstatt, dem Kompostbereich und der Haustechnik, Zonen des gemeinschaftlichen Haushaltes mit Gemeinschaftsküchen und gemeinschaftlichen Essbereichen.

Im Übergang zu den Wohnküchen der einzelnen Einheiten steht eine Galerie, die einen Erweiterungsbereich zu den nicht-geteilten Räumen bildet. Sind die Türen geöffnet, bildet die Galerie gemeinsam mit den Wohnküchen einen permeablen Bereich, in dem die Grenzen des Gemeinschaftlichen und Individuellen verschwimmen. Die Stützen sind so gesetzt, dass sich Nischen ausbilden und der Raum in seiner Tiefe gestaffelt ist. Der Raum kann als alltäglicher Arbeitsort, Begegnungszone und durch seine Ausweitung am Ende zu einem Kaminzimmer auch als gemeinsamer Entspannungsraum genutzt werden.

Das Erdgeschoss ist um 75 Zentimeter in den Erdboden eingelassen und steht so in Subordination zur Wiese. Es ordnet sich dem Außenraum unter. Von innen hat man dafür den Durchblick zwischen der Wiese und den niedrigen Baumkronen der Obstbäume. Vom Erdgeschoss mit Galerie und individuellen Wohnküchen, durch die lateral das durch Bäume und Wiese grün gefilterte Licht einfällt, führen kleine Treppen ins Obergeschoss. Durch die Öffnung neben den Treppen fällt weiß gefiltertes Licht vertikal in den Raum. Es markiert den Übergang in den intimen Bereich der individuellen Einheit, der vom Außenraum und dem Erdgeschoss getrennt ist. Der innenliegende Raum, den man über die kleine Treppe erreicht, verfügt über eine Decke aus einem transluzent-weißen Oberlicht (mehrlagiges ETFE-Folienkissen), das sich zum Dachboden hin öffnen lässt. Es ist ein heller, nicht einsichtiger und intimer Raum. Dort befindet sich auch das Bad, sowie die Türen zu den fassadenseitig gelegenen Schlafzimmern und den halben Zimmern, die klassisch als Boudoir (kleine Arbeits- und Rückzugszimmer) genutzt werden können. Sie sind so groß geschnitten, dass sich in ihnen auch ein Ausweichbett oder Kinderbett unterbringen lässt.

Auf dem Dach finden sich Dachterrassen und der große, unbeheizte Raum des Dachbodens, der als Sommerwohnzimmer, Lagerfläche, Abenteuerspielplatz, Gewächshaus und Wintergarten genutzt werden kann. Er wird über zwei Treppen erreicht, die zum Gemeinschaftsbereich gehören oder auch über die kleinen Treppen aus den individuellen Einheiten. Die Abgrenzung des Raumes nach außen und zu den individuellen Einheiten bilden transluzente ETFE-Folienkissen. Es ist ein Raum, in dem die Temperaturunterschiede des Außenraumes in abgemilderter Form erfahrbar werden. Ein Raum, in dem man das Trommeln der Regentropfen hört. Ein Raum, der mit 280 Quadratmetern und teilweise 4,80 Metern Raumhöhe und ohne klares Nutzungsprofil ein beinahe dekadenter Raum ist, der zur freien Verfügung steht; in dem nichts muss, aber alles kann.

Die Gebäude des Entwurfes sind so positioniert, dass sie so viel wie möglich von der als erhaltenswert erachteten Kulturlandschaftsform der Streuobstwiese erhalten. Dem geht eine ökologische Analyse des Pflanzenbestandes voraus. Es bleiben 9200 Quadratmeter Freifläche übrig, die von Wiese und Bäumen geprägt sind. Diese Freiflächen erfordern mindestens eine Mahd im Herbst. Dabei würden erwartbar 90 Kubikmeter an Grünschnitt anfallen. Häckselt man den Verschnitt von den Bäumen und durchmischt ihn gut mit den Gräsern und Kräutern, lässt sich ein stabiler Kompost erzeugen, der bis zu 18 Monate 60 Grad Celsius in seinem Inneren erzeugt. Legt man bei Aufschichtung des Kompostes Wasserschläuche ein, die mit einer Pumpe und einem saisonalen Wasserspeicher verbunden sind, könnte dies bereits die notwendige Energie für die Fußbodenheizung bereitstellen. Auf dem Dach des geplanten Kompost- und Haustechnik-Gebäudes ließen sich zudem PV-Anlagen installieren. Das gesamte Ensemble ließe sich so als Null- oder sogar Plusenergiehaus realisieren. Die Mahd könnte als Gemeinschaftsprojekt von ein paar Tagen im Herbst angegangen werden.

Die Arbeit entstand als Bachelorarbeit im Sommersemester 2017 innerhalb von zehn Wochen. Sie wurde von Jeanne Françoise Fischer und Dr. phil. Lutz Hengst betreut. Die Beurteilung erfolgte durch Bettina Götz, Norbert Palz und Jean-Philippe Vassal.

Literaturliste:

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-Arch+ 228 Stadtland: Der neue Rurbanismus, April 2017
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