Hans Christian Ziebertz > Idee und Ort Tristan Da Cunha

Modellfoto

Aufgabe war es, ein Refugium für einen hypothetischen Gestrandeten auf einer einsamen Insel zu bauen. Es sollte ein Außenposten der Zivilisation sein an einem Ort, den wir selbst nie oder nicht in naher Zukunft zu bereisen würden. Grundlage der Orte, die uns zugelost wurden, waren die Eilande aus Judith Schalanskys Atlas der abgelegenen Inseln (Hamburg 2009). Die Bearbeitungszeit betrug fünf Wochen und wurde vom Lehrstuhl Sobejano im Jahr 2014 betreut.

Tristan Da Cunha ist mehr als literarischer Topos denn als physischer Ort präsent. Diesen kann man, liest man Raoul Schrott oder Arno Schmidt - wiederum mit Bezug auf Johann Gottfried Schnabel und Thomas Morus - in seinem Inneren hervorrufen. Die Insel selbst, jener ferne Körper einer entmaterialisierten Idee, bleibt unbesucht. Dort etwas zu entwerfen - das heißt, vom Inneren ins Äußere zu bannen - konnte für mich nicht im Sinne eines tatsächlichen Raumprogammes eines tatsächlichen Refugiums für einen tatsächlichen Gestrandeten gedacht werden. Das hätte erfordert, einen sehr praktischen Zugang zu wählen, der darüber reflektiert hätte, wie man ohne Werkzeug baut, wie man ohne Materialien aus der Industrie baut oder, wie man mit einem Minimum dieser Dinge, die sich mit einer kleinen Schiffsladung dorthin bringen liessen ein solches Projekt, das dann völlig autark wäre - auch energieautark ohne Ersatzteile -, verwirklicht. Da es sich um einen Kurzentwurf handelte, wurde dieser Zugang verworfen.

Das Projekt, das entstand, ist symbolisch. Es verfügt über das Raumprogramm eines Refugiums. Es wäre sogar, was die Wasser, Wärme und Stromversorgung anginge, autark (es regnet viel und es ließe sich die Geothermie der Vulkaninsel nutzen, die entsprechenden Anlagen sind in den Plänen vorgsehen). Doch das Raumprogramm ist stilisiert. Die Räume für das alltgägliche Lebens auf Tristan folgen der Sonne: Ein Bett auf der Südseite (die sonnenlose Seite auf der Südhalbkugel), geschützt unter dem massiven Dach. Ein Bereich zum Baden nach Osten mit der aufgehenden Sonne. Die Küche im Süden und Norden des Kreislaufes. Der Arbeitsbereich im Norden und Westen, weit geöffnet mit Blick über die Landschaft und auf den endlosen Ozean, sowie der Kamin zur abendlichen Entspannung im Norden mit Blick zur untergehenden Sonne im Westen und einer kleinen Treppe zurück zum Bett. Im Zentrum der Anlage befindet sich der "Hof der Windstille". Zu allen Seiten geschlossen, nur zum Himmel geöffnet, ist er der einzige Ort, welcher der Beständigkeit der Roaring Forties, der ganzjährigen starken Winde auf Tristan Da Cunha, entzogen ist.

Das Modell ist ein Dach, gegossen aus Wachs, auf einer Bodenplatte, gegossen aus Gips.

ModellfotoBodenplatte des Modells mit den Räumen (Süden oben, Osten links, etc). Die beschriebene Reihenfolge geht gegen den Uhrzeigersinn und beginnt und endet oben beim Bett.
ModellfotoBadbereich (Der Schlafbereich ist von außen nicht einsehbar)
ModellfotoDusche
ModellfotoKüchenbereich
ModellfotoArbeitsbereich (=Bibliothek?) mit Kamin und Treppe im Hintergrund
ModellfotoBlick durch den Arbeitsbereich in den "Hof der Windstille"
ModellfotoDie Topographie des Bodens (die sich auch in den Höhenversprüngen des Daches spiegelt)
ModellfotoDas geschmolzene Modell nach einem heissen Sommer in Berlin

Die Pläne sehen einen Rohau aus Beton vor, der mit lokalen Zuschlagsstoffen (Basalt, Tuff und Asche) ergänzt ist. Er wäre angeschlossen an die mehrere hundert Grad heisse Erde im Untergrund. Ein warmer Rohbau mit Energie und Regenwasserzisterne, der ein Angebot enthält, aber vor allem ein Symbol ist: Ein Altar für das ideelle Leben auf Tristan Da Cunha. Ein Einsiedler-Tempel in den Weiten des südlichen Atlantiks.

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