Hans Christian Ziebertz > Theater in Rom, Via del Quadraro / Aquedotti

Fotografie des Arbeitsplatzes

Im Parco degli Aquedotti, an der wichtigen und viel befahrenen Verkehrsachse der Via del Quadraro und zwischen den beiden Strängen der Roma-Napoli-Bahn, ist der Ort des Projektes ein komplexer Überlagerungspunkt verschiedener zwischenstädtischer Texturen außerhalb der Innenstadt von Rom. Das Ensemble aus Theater, Werkstätten, Wohnungen und Piazzetta nimmt diese Komplexität auf, versteckt sie nicht und verleiht ihr Ausdruck.

Wege 1:5000

Städtebaulich wird die Lücke des Fußweges aus der Innenstadt in den Parco degli Aquedotti, der an dieser Stelle unterbrochen ist, geschlossen. In seiner Formensprache reagiert das Gebäude auf die gegenüber der Bahnlinie liegenden Siedlungsbauten von Tuscolana. In der Vertikalen spielt es mit der Höhe der beiden historischen Aquädukte. Es bildet Fassaden zu allen Seiten und den auf unterschiedlicher Höhe liegenden umgebenden Eingrenzungen aus. Es nimmt die bereits bestehenden Innenraum-Qualitäten seiner unmittelbaren Umgebung auf und verstärkt sie, indem es zu allen Seiten mit dem Außenraum arbeitet. In seiner Gesamtwirkung soll es den Eindruck vermitteln, dass die einzelnen Teile des Gebäudes gerade so zusammenstehen - sie sind kurz vor dem Auseinanderfallen und doch ein Gebäude. Es soll so hybrid sein, wie seine zwischenstädtische Umgebung.

Schwarzplan 1:3000

Lageplan

Die Komplexität liegt zudem im Detail des Raumprogramms. Eine funktionierende große Theaterbühne mit aller dazugehöriger Bühnentechnik in der Mitte des Gebäudes stellt einen äußert großen technischen Apparat dar. Dieser Apparat ist zudem angeschlossenen an die Werkstätten, mit schienengefühtem Transportwagen im Untergeschoss für den Transport schwerer Bühnenelemente. Die Hinterbühne führt zu Ankleiden und Proberäumen. Im Hinterbühnenkomplex gibt es eine Probebühne, die über einen tiefliegenden Hof auch als besondere Aufführungsstätte genutzt werden kann. Es gibt eine Tiefgarage für MItarbeiter, Bewohner und Besucher. Einen Aufzug für den barrierefreien Zugang aller Ebenen, sowie drei teilweise getrennt und teilweise zusammen geführte Wegesysteme für Theaterbesucher, Theatermacher und Bewohner.

EG Grundriss

OG und UG Grundrisse

Schnitte

Ansichten

Das Theater funktioniert nach dem Prinzip des Schauspiels. Die Illusionsmaschine des Theaters selbst wird thematisiert. Das Foyer liegt vor dem Gebäude unter einem großen überkragenden Dach. Statt einer Garderobe gibt es Garderobenschränke. Die Materialien sind einfach. Über eine zweiläufige Treppe gelangt man in den Saal, der in seiner Rohform auch als minimalistische Tageslichtbühne funktioniert. Über der Bühne erhebt sich ein hoher, vom Eingang des Saales aus einsehbarer Turm für den Schnürboden, darüber befinden sich Oberlichter. Vor der Bühne besteht der Saal aus ansteigenden Sitzstufen, an deren Ende, an der gegenüberliegenden Saalseite, ein großes Panoramafenster eingebracht ist, das über den Park in Richtung der Innenstadt blickt. Von dort aus führen kleine Treppen auf einen Rang und von dort auf die Dachterrasse, die in den Pausen als Aufenhaltsraum im Freien genutzt werden kann. Von dieser Höhe aus sollte es möglich sein, die historische Innenstadt Roms tatsächlich zu sehen.

Innenraummodell Theatersaal

Um den heutigen Normalfall der Blackbox zu erzeugen, muss diese als Kulisse in den bestehenden Saal eingebaut werden. Damit wird sie in ihrer Konstruktion für die Besucher sichtbar. Das Bühnenbild tritt in Kommunikation mit der Architektur und ist ebenso präsent wie diese. Die Illusionsmaschine des Theaters wird so reflektiert. An schönen Abenden könnte es auch Aufführung auf der Wiese zwischen Theaterbau und dem Aquädukt geben. Von dort beginnt der Weg durch den Parco degli Aquedotti. Besonders mutige Konstrukteure könnten auch das Dach für eine temporäre Bühne im Freien wählen.

Collage Foyer

Collage Piazza

Collage Aquädukt

Städtebaumodell Ausschnitt

Durch die Kombination von Theater, Werkstätten und Wohnungen wird ein Ort geschaffen, an dem zu jeder Uhrzeit etwas passiert: Morgens verlassen die Bewohner das Haus in Richtung der Stadt, vielleicht gibt es noch einen Kaffee an der Bar. Es kommen die Mitarbeiter der Bühnenwerkstätten und die Anlieferungen. Durch die lange, durchlässige Fassade der Werkstätten zum Platz ist dieser den ganzen Tag über in die produktive Athmosphäre eingebunden. Ab und zu kommen einzelne Besucher, um sich Tickets fürs Theater an der Kasse in der Bar abzuholen. Spaziergänger und Radfahrer des Parco Aquedotti kreuzen den kleinen Platz. Abends dann zum Sonnenuntergang schlägt die große Stunde. Die Geschäftigkeit der Werkstätten ist zur Ruhe gekommen. Die Anlieferungen sind gemacht. Die Bewohner sind nach Hause zurückgekehrt. Und nun kommt die Parade der Theaterbesucher und füllt den Ort mit spannungsvollem Warten auf die Aufführung. Die Schauspieler machen sich warm, der Vorhang fällt und es gibt Theater. Nach der Aufführung bleiben noch einige Gäste zu einem Glas oder einem Snack in der Bar. Es gibt Gespräche und Gelächter zum Platz hinaus, an dem sich auch die Wohnzimmer-Balkone der Wohnungen befinden. Zur Seite der Schlafzimmer ist es bereits ruhig, nur die Grillen zirpen hinter den Wipfeln der Pinien. Die Schauspieler sind bereits gegangen, der Techniker sieht noch einmal durch die Räume und schliesst den Hinterbühnenbereich ab. Nach und nach gehen auch die letzten Gäste der Bar nach Hause und die Bewohner schlafen - bis zum nächsten morgen.

Die Arbeit entstand im Sommersemester 2016 im Entwurfsstudio von Prof. Riegler. Thema war der Entwurf eines Kulturzentrums an der Peripherie von Rom. Die Arbeit wurde betreut von Martin Rathgeb, Anne Bruschke und Florian Riegler.

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