Hans Christian Ziebertz > Transformation der Bruder Klaus-Kapelle in Wachendorf

Modellfoto

Analyse

Die Bruder-Klaus-Kapelle von Peter Zumthor entsteht durch eine kultische Handlung. Die Bauern kommen aus dem Wald, sie tragen 112 Fichtenstämme aufs Feld; sie stapeln sie zu einem germanischen Kirchenlanghaus aus Holz. Dann stampfen sie Lage für Lage den unbewehrten Beton. 24 Schichten auf 12 Meter; im Abstand von 50 Centimetern entstehen Öffnungen zur Verbindung des äußeren Holzes mit dem Inneren. Holz, das abgenommen wird und weggetragen. Die Fichtenstämme zerfallen im Unterdruck eines dreiwöchigen Feuers. Der Boden wird gegossen, das Firmament geblasen und nach dem Abzug der Arbeiter bleiben zwei Räume zurück auf dem Feld.

Ein Raum voller Ruß; von außen unsichtbar, leitet er den Blick auf die einzige Öffnung in der Decke. Licht und Regen fallen überwältigend in die Dunkelheit. „Oh Heiland reiß’ die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf (…) Oh Gott ein’ Tau vom Himmel gieß; Im Tau herab, o Heiland fließ (…) O Sonn’ geh auf, ohn’ deinen Schein in Finsternis wir alle sein.“ (Kirchenlied, Würzburg 1622). Sehnsüchtig wartet der katholische Gläubige auf die ewige Erlösung. Barocker Erlöserwunsch trifft auf den im Leben Toten: Der Heilige Eremit Bruder Klaus, der Einsame, den in Meditation nachzuahmen, die Menschen auf das Feld in Wachendorf pilgern.

Machen sich die Pilger vom weit entfernten Parkplatz auf, umkreisen sie den Monolithen zunächst, bevor sie sich ihm nähern. Mit zwei, mit drei und mit vier Kanten präsentiert er sich dem Betrachter. Peter Zumthor ist ein Anhänger Martin Heideggers, der in seiner ästhetischen Theorie (Der Ursprung des Kunstwerkes, Freiburg 1935) am griechischen Tempel die Wahrheit des Kunstwerkes, zumal des Gebauten, erläutert:

„Ein Bauwerk, ein griechischer Tempel, bildet nichts ab. Er steht einfach da inmitten des zerklüfteten Felsentales. (…) Dastehend ruht das Bauwerk auf dem Felsengrund. Dies Aufruhen des Werkes holt aus dem Fels das Dunkle seines ungefügen und doch zu nichts gedrängten Tragens heraus. Dastehend hält das Bauwerk dem über es hinwegrasenden Sturm stand und zeigt so erst den Sturm selbst in seiner Gestalt. Der Glanz und das Leuchten des Gesteins, anscheinend selbst nur von Gnaden der Sonne, bringt doch erst das Lichte des Tages, die Weite des Himmels, die Finsternis der Nacht zum Vor-schein. Das sichere Ragen macht den unsichtbaren Raum der Luft sichtbar. (…) Dieses Herauskommen und Aufgehen nannten die Griechen φύσις (physis). Sie lichtet zugleich jenes, worauf und worin der Mensch sein Wohnen gründet. Wir nennen es die Erde. Von dem, was das Wort hier sagt, ist sowohl die Vorstellung einer abgelagerten Stoffmasse als auch die nur astronomische eines Planeten fernzuhalten. Die Erde ist das, wohin das Aufgehen alles Aufgehende, und zwar als ein solches zurückbirgt. Im Aufgehen west die Erde als das Bergende. Das Tempelwerk eröffnet dastehend eine Welt und stellt diese zugleich zurück auf die Erde, die dergestalt selbst erst als der heimatliche Grund herauskommt. (…) Der Tempel gibt in seinem Dastehen den Dingen erst ihr Gesicht und den Menschen erst die Aussicht auf sich selbst.“ (stark gekürzt, zum nachlesen im Reclam-Band, Stuttgart 1960, S. 37 - 39)

Spricht Zumthor in einem Interview zur Bruder-Klaus-Kapelle davon, dass das Bauwerk der Landschaft erst ihr links und rechts und ihr oben und unten gibt (siehe http://www.youtube.com/watch?v=NjVRyKXv2Ng, Minute 1:40), so bezieht er sich mit dem zweiten Raum, dem Außenraum auf diese Stelle aus Heideggers Kunstwerkaufsatz. Im Gegensatz zum griechischen Tempel aber, den Heidegger beschreibt, ist Zumthors Körper geschlossen. Mit seinen scharfen Kanten setzt er sich in Kontrast zu den weich geschwungenen Linien der hügeligen Landschaft der Eifel. Er setzt nicht einen Tempel auf das Feld, der die Welt um sich herum aufstellt, der das Äußere in sich einlädt und sein inneres Heiligtum nach außen präsentiert. Der Monolith in Wachendorf erklärt uns die physische Welt nicht aus sich selbst heraus, sondern durch den Kontrast, den er setzt. Die Bruder-Klaus-Kaplle ist ein Tor ins Ungewisse. Als Ort der Meditation setzt sie die metaphysische Welt des Innern in äußersten Kontrast zu ihrem Außen und lässt uns in dieser Schärfung Beides erkennen. Jedoch: die starke Betonhülle trennt die Welten. Wie der nach innen gekehrte Eremit zu Welt, stehen sich die beiden kontrastreich gegenüber.

Transformation

Die Bruder-Klaus-Kapelle arbeitet unmittelbar mit der Physis der Erde. Eine Faltung hingegen ist ein Gebilde aus Luft. Eine Verkehrung der entwerferischen Prinzipien zieht eine Verkehrung aller Deutungen nach sich. Arbeitet Zumthors Kapelle mit der Erde und zeigt von dort aus in die Luft, so spielt eine Faltung mit der Luft und deutet auf die Erde. Verschließt sich Zumthors Kapelle geheimnisvoll der Landschaft, so öffnet sich die Faltung und kehrt ihr Innerstes nach Außen. Das Thema jedoch bleibt unter umgekehrten Vorzeichen erhalten: In einen geschlossenen Raum bricht das Äußere ein. Innen und außen sind verkehrt. Der Lichtschein von unten ist nur die Spitze eines weit geöffneten Himmels. Statt dem der Welt Zugewandten, der nach Erfahrung der Innerlichkeit sucht, geht es hier um den in sich Gefangenen, der das Außen sucht. In einem dunklen Raum ohne Tür, nur mit Bodenluke (die Verkehrung des Außenraums) geht der Suchende entlang eines Lichtspalts zu seinen Füßen, der zu schmal ist, ihn direkt zu passieren. Von den Kanten aus laufen Lichtstrahlen hinfort in den Himmel (Das verkehrte Firmament von Zumthor). Nachdem er das Fünfeck passiert hat, gelangt der Suchende jedoch in den Hof (die Verkehrung des Innenraums), der sich zum Himmel hin öffnet. Im Gegensatz zu Zumthors Monolithen, der fest in der Landschaft steht, ist der nach außen stehende Raum, in diesem Fall ein Kubus von sechs mal sechs mal sechs Metern, ein Beschädigter. Die Kanten des leuchtenden Hofes durchbrechen seine von Rost zerfurchten Wände.

Präsentation

Die vermeintliche äußere Form ist für das Projekt kontingent. Primär geht es um die Idee, von einem Innenraum in einen Außenraum zu gelangen. Der Aufgabenstellung gemäß sollte der gesamte Raum den Umfang von maximal sechs mal sechs mal sechs Metern betragen. Der Kubus ist der platonische Körper, der diesem Maß entspricht. Es geht allerdings um die in diesen Kubus hineingefaltete Form. Es ist Außenraumes im Innern, enger Raum ohne Beengung. Eine Faltung, die auch in einem anderen Innenraum als dem Kubus stehen könnte. Als Verkehrung der Raumkomposition Zumthors steht sie für die gestalterischen Elemente: 1. Das Licht von unten, 2. die Öffnung des engen Außenraumes nach oben, 3. die Fugen zwischen den vertikalen, gefalteten Elementen, 4. der Kontrast von Innen- und Außenraum durch unterschiedliche Materialbeschaffenheiten und ihr Spiel mit dem Licht.

Anmerkungen

Das Projekt entstand im Rahmen kleinerer Entwurfsübungen am Lehrstuhl Enrique Sobejano. Ein zugelostes Ausgangsgebäude, das einer der Entwurfsmethoden "Folding" / "Carving"/ "Assembling" zugeordnet war, sollte mit einer anderen Entwurfsmethode neu interpretiert werden. Die Kapelle von Peter Zumthor (Carving) wurde hier durch das Folding neu interpretiert. Das Modell wurde aus gefaltetem Stahlblech gefertigt und die Oberflächen unterschiedlich behandelt, sodass auf manchen eine Rostpatina entstand und andere eine besonders hohe Lichtreflexioin aufweisen. Die Bearbeitungszeit betrug drei Wochen.

 

Schnittschema

Schnittschema der Bruder Klaus-Kapelle (links) und des neuen Objektes (rechts)

Grundrissschema

Grundrissschema des der Bruder Klaus-Kapelle (links) und des neuen Objektes (rechts)

Modellfoto

Perspektive im Innenraum des neuen Objektes (Modellphotographie)

Modellfoto

Perspektive im Aussenraum des neuen Objektes (Modellphotographie)

Zeichnungen

Faltschablone (oben), Grundriss und Schnitte (unten), Originalmassstab 1:50

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