Hans Christian Ziebertz > Wohnen im Gasometer in Schöneberg

Collage

Beim Schöneberger Gasometer handelt es sich um die Führungs- und Aussteifungsstruktur eines der größten Gasbehälter der Gründerzeit in Deutschland. Im Gegensatz zu anderen Gasometerstrukturen seiner Zeit besticht das in Schöneberg allerdings durch den klaren technischen Ausdruck seiner Konstruktion. Hier wurde nichts durch Mauerwerk verblendet oder Ornamente ästhetisiert. Die Erbauer der Struktur verstanden es, die Spannung von Monumentalität und Filigranität voll zu entfalten. Was damals kritisiert und verschmäht wurde, ist heute - nach der Zeit der aktiven Nutzung - eine Skulptur im Stadtraum. Weithin sichtbar ist das Spiel von Umschlossenheit und Leere und verbietet jegliche massive Bebauung. Dass eine solche Filigranität in der Ausführung des Stahlbaus möglich war, erklärt sich durch die geringe Wichte des Gases, das im Gasometer aufbewahrt wurde. Leichter als Luft musste der flüchtige Stoff lediglich festgehalten, nicht aber gestützt werden. Im Wechsel von Zufuhr und Verbrauch hob und senkte sich der Teleskopbehälter über den Tagesverlauf wie eine eiserne Lunge des damals industriell geprägten Berlins. Mit dem Ende der aktiven Nutzung wurde auch der eiserne Teleskopbehälter demontiert. Übrig blieb lediglich die Führungs- und Aussteifungsstruktur. Beschäftigt man sich nun mit einem kleinteiligen Entwurf für das Gasometer, geben die technischen Lösungen von damals kraftvolle Bilder für entwerferische Ideen für heute.

Der Entwurf hatte durch die Aufgabenstellung allerdings zahlreichen Einschränkungen zu unterliegen. So teilte der Lehrtsuhl für Entwerfen und Baukonstruktion unter der Leitung von Bettina Götz den Gasometer in 18 je fünf Meter hohe Scheiben von je ca. 2500 Quadratmetern ein und verloste jede an einen Studenten der Entwurfsklasse. Nur 500 der verfügbaren 2500 Quadratmeter sollten beplant werden. Mit- und gegeneinander sollte so ein Schaschlik von unterschiedlichen Entwürfen entstehen, die dennoch ein Gebäude ergeben. Für mich ergab sich so die Aufgabe im Gasometer in der Höhe von 75 - 80 Metern (am oberen Rand der Stahlstruktur) 500 Quadratmeter temporäres Wohnen für Gastwissenschaftler zu entwerfen. Dabei waren allerhand Bebauungsregeln und Wünsche der Nachbarn zu beachten. Der Entwurf ist so auch ein Ergebnis eines vierzehnwöchigen Verhandlungsmarathons. Ausserhalb des Gasometers zu bauen oder eine innenliegende Erschliessungsstruktur zu haben, waren nicht möglich. Eine Erschliessungsstruktur mit Stützen, Treppen und Aufzügen, sowie einem drei Meter breiten Umgang am äußeren Rand der bebaubaren Fläche des Gasometers waren als Gemeinschaftsentwurf vorgegeben.

Die Ideen des Bestandes sollten mich - transformiert - zu einem Entwurf leiten: So wollte ich eine leichte Stahl-, Holz- und Textilkonstruktion entwerfen, welche die Flüchtigkeit des Umschlossenen thematisierte. Zusammenfassen ließ sich dies im Bild des Segelschiffes über Berlin, das an der oberen Kante dieses Stahlgestänges festmacht. Durch ein horizontales Ordnungselement wird der Raum vertikal geordnet. Es entsteht ein „Schiffsdeck“, dass die Weite 70 Meter über dem Erdboden artikuliert. Es sollte horizontal von jeglicher Bebauung - bis auf die Stützen des Gemeinschaftsentwurfes - frei bleiben. Eine halbe Ebene tiefer befinden sich die Räume „unter Deck“, die in Teleskopbehältern untergebracht sind und so nach Bedarf aktiviert werden können. Sie bieten Geborgenheit, sind blickgeschützt und beherbergen alles, was man gemeinhin als intime Wohnfunktionen definieren würde. Zwischen den beiden, sich kontrastierenden Räumen („Deck“ und „unter Deck“), steht das Wohnzimmer, das sich auf halber Höhe nach oben und unten befindet. Über diesen Mittler erweitern sich die tempoorär aktivierbaren Räume unter Deck auf den großen Raum, der sich durch die horizontale Fläche ergibt und sich zum Horizont unendlich erweitert. Sie funktionieren so fast wie Möbelstücke, die je nach Bedarf hin und wieder weggestellt werden können.

Es handelt sich um einen experimentellen Entwurf, der sich mit pneumatischen Strukturen und Leichttragwerken (Tensegrity) auseinandersetzt. Baukonstruktiv und tragwerksplanerisch wurde er im Sommersemester 2015 bis ins 1:1-Detail unter Betreuung des Lehrstuhls für Konstrukties Entwerfen und Tragwerksplanung (Prof. Christoph Gengnagel) ausgearbeitet.

Das Gesamtmodell 1:50 wurde in Zusammenarbeit der Klasse Götz gebaut und ist mehr als 2 Meter hoch und mehr als 1,6 Meter breit und tief. Der Bestand des Gasometers besteht aus gelasertem Pappelsperrholz, die allgemeine Erschliessung ist in Pappelsperrholz (von Hand gesägt) und verschiedenfarbigen Pappen gebaut. Das Einsatzmodell besteht aus gelasertem Pappelsperrholz (Tragwerk), sowie Bristol und Polypropylen.

AnsichtVereinfachte Ansicht
Verteilung der ModuleVerteilung der vorgefertigten Module
Axonometrie des DachtragwerkesAxonometrie des Dachtragwerkes
Axonometrie der Deck-EbeneMögliche Konfiguration der Deck-Ebene
Axonometrie eines WohnmodulsAxonometrie eines Wohnmoduls
ModellphotographieModellphotographie des Ausschnitts (Foto: Oliver Schmidt)
ModellfotoModellphotographie des Ausschnitts (Foto: Oliver Schmidt)
ModellfotoPhotographie des Gesamtmodells (Foto: Oliver Schmidt)
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